Das Projekt

Kindertagespflege im Umbruch: Governance und Zukunftsstrategien im System der Kindertagesbetreuung (KIP-GOV)

Förderzeitraum: –

Problemstellung

Die Kindertagespflege ist rechtlich der institutionellen Betreuung gleichgestellt und hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Baustein der Kindertagesbetreuung entwickelt. Gleichzeitig befindet sie sich aktuell in einer kritischen Umbruchphase: Ihre Rolle im Gesamtsystem ist teilweise unklar, ihre Entwicklung verläuft regional stark unterschiedlich und ihre strukturelle Verankerung bleibt insgesamt vergleichsweise schwach.

Diese Ambivalenzen sind auch in der spezifischen Struktur der Kindertagespflege begründet: Als hybride Betreuungsform bewegt sie sich im Spannungsfeld von öffentlicher Verantwortung, privat organisierter Tätigkeit und marktförmigen Arrangements und ist damit in besonderer Weise von lokalen Governance-Konstellationen und Akteursbeziehungen abhängig.

Fehlen stabile fachpolitische Strukturen, überregionale Orientierungspunkte und verlässliche Unterstützungsinfrastrukturen, geraten Elemente der Qualitätssicherung – etwa Fachberatung und Vernetzung – unter Druck oder verlieren an Reichweite. Steuerungsentscheidungen auf kommunaler Ebene fallen zudem nicht selten zulasten der Kindertagespflege aus. Dies kann zu einer zunehmenden Marginalisierung führen – sichtbar etwa im Rückgang von Kindertagespflegepersonen, in verschlechterten Rahmenbedingungen sowie in unsicheren Entwicklungsperspektiven.

Diese Entwicklungen sind umso problematischer, als die Kindertagespflege zugleich spezifische Leistungen für das System der Kindertagesbetreuung erbringt: Sie eröffnet flexible, sozialräumlich anschlussfähige und beziehungsintensive Betreuungsformen und kann insbesondere unter dynamischen Bedarfsbedingungen als anpassungsfähiges Steuerungselement wirken.

Damit steht nicht nur die Zukunft einer formal gleichrangigen Betreuungsform auf dem Spiel, sondern auch ein zentrales Element für die Sicherstellung differenzierter und bedarfsgerechter Betreuungsarrangements. Zugleich fehlt es bislang an systematischem Wissen darüber, unter welchen Bedingungen Kindertagespflege in den komplexen lokalen Gefügen von Akteuren, Interessen und Steuerungslogiken gestaltet und gesteuert werden kann.

Ziele und Ansatz

Das Projekt setzt an der beschriebenen strukturellen Offenheit und Heterogenität der Kindertagespflege an und versteht sie als Ergebnis spezifischer lokaler Konstellationen von Akteuren, Steuerungslogiken und wohlfahrtsstaatlicher Einbettung. Ziel ist es, diese bislang nur punktuell erschlossenen lokalen Ausgestaltungsformen fallbezogen zu analysieren und in ihrer Bedeutung für die Kindertagesbetreuung zu rekonstruieren.

Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Kindertagespflege in unterschiedlichen kommunalen Kontexten konkret „gemacht“ wird – also welche Rollen Jugendämter, Fachberatung, Kindertagespflegepersonen und Familien jeweils einnehmen und wie ihre Interessen, Deutungen und Handlungslogiken zusammenwirken.

Ziel des Projekts ist es, diese vielfältigen lokalen Arrangements vergleichend sichtbar zu machen und unterschiedliche Formen, Bedingungen und Möglichkeiten der Kindertagespflege im Kontext der anderen Angebote der Kindertagesbetreuung aufzuzeigen.

Auf dieser Grundlage sollen

  • typische Konstellationen der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Trägern, selbstständig tätigen Kindertagespflegepersonen, Familien und weiteren Akteuren rekonstruiert und in ihren jeweiligen Wirkungen auf das Angebot eingeordnet werden,
  • Orientierungswissen für kommunale Steuerungs- und Planungsprozesse bereitgestellt werden sowie
  • Ansatzpunkte herausgearbeitet werden, wie die unterschiedlichen Logiken von Staat, Markt, Familie und professioneller Praxis vor Ort so aufeinander bezogen werden können, dass lokale sinnstiftende Konstellationen von Kindertagespflege entstehen – etwa, wenn sie als wohnortnahes Angebot im ländlichen Raum Versorgungslücken schließt, als kleinräumiges Setting inklusive Betreuungsformen ermöglicht oder flexibel auf sich verändernde familiäre Bedarfe reagiert.

Methodischer Zugang

Das Projekt folgt einem qualitativ-empirischen, fallorientierten Forschungsdesign. Untersucht werden ausgewählte Jugendamtsbezirke als lokale „Fälle“, in denen Kindertagespflege im Zusammenspiel zentraler Akteure – insbesondere Jugendämter, Fachberatung, Kindertagespflegepersonen und Familien – konkret ausgestaltet wird.

Im Sinne multiperspektivischer Fallstudien werden Gruppendiskussionen und Expert:inneninterviews mit der Analyse zentraler Dokumente kombiniert. Ziel ist es, die kollektiven Deutungen und handlungsleitenden Orientierungen der beteiligten Akteure zu rekonstruieren und relational aufeinander zu beziehen.

Durch vergleichende Analysen mehrerer Fälle werden typische Muster und Unterschiede lokaler Ausgestaltungen sichtbar gemacht. Auf dieser Grundlage werden übergreifende Strukturierungen (z. B. Typologien oder Modellierungen) entwickelt, die das Zusammenspiel von Akteuren, institutionellen Rahmenbedingungen und wohlfahrtsstaatlicher Einbettung erfassen. So soll auf empirischer Grundlage nachvollziehbar werden, unter welchen spezifischen lokalen Bedingungen Kindertagespflege als sinnstiftende und anschlussfähige Angebotsform ihren Platz im Spektrum der Kindertagesbetreuung einnimmt – und für wen sie jeweils einen besonderen Mehrwert entfalten kann.

Die (vorläufigen) Projektergebnisse werden fortlaufend auf dieser Projekthomepage publiziert und in Form von Transfer-Workshops mit der Praxis diskutiert. Ebenso wird über Aktivitäten und Themen berichtet, die dem Projekt inhaltlich nahestehen (Blog folgt).

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend Katholische Stiftungshochschule München